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Autonomes Fahren: Wenn das Auto sagt, wo’s lang geht

In modernen Autos steckt immer mehr Technik. Fahrassistenzsysteme, Notrufsysteme, Zugang zum Internet. Die Industrie schwärmt von IP-Adressen selbst für Kleinwagen. Das ist nicht nur Zukunftsmusik, Tesla zum Beispiel erlaubt Updates der Software des Bordcomputers via Mobiltelefon. Google baut kleine Autos, die aussehen wie eine uncharmante Isetta und sich völlig autonom durch die Stadt bewegen sollen. Diese Autos bleiben aber bei halbwegs hohem Verkehrsaufkommen einfach stehen, die Technik kann den Menschen hier noch nicht ersetzen. Dennoch: Autonomes Fahren, also das Fahren ohne menschliches Zutun, ist der letzte Schrei in der Branche. Der krisengebeutelte US-Hersteller General Motors prescht vor: CEO Mary Barra hat angekündigt, das halbautonome Autobahnsystem „Super Cruise“ im Sommer 2016 für einen neuen Cadillac verfügbar zu machen.
Damit kann man nicht nur im Stop- and Go-Verkehr, sondern auch bei Autobahngeschwindigkeit die Hände vom Lenkrad lassen. Aufpassen muss der Fahrer trotzdem noch, für viele Situationen ist die Technik noch nicht bereit. Dass die Fahrzeuge mit dem System auch untereinander vernetzt sein sollen, na, keine Frage.

Ich sehe dich!

Barra möchte also, dass der Fahrer weiterhin auf die Straße achtet. Nur zur Sicherheit. Auch hier hat man sich etwas einfallen lassen: Die australische Firma Seeing Machines soll helfen.
Sie tüftelt an einem System, das den Fahrer filmt und seine Kopfbewegungen analysiert. Ist man von der Beifahrerin abgelenkt oder fangen auch nur die Lider an zu flattern, ob aus Müdigkeit oder einfach nur wegen eines Staubkorns, ermahnt der starrende Computer den Fahrer, doch gefälligst mehr aufzupassen. Wer jetzt hier an ein anderes, starrendes Maschinenauge aus der Filmgeschichte denken muss, vielleicht auch gleich noch an dessen Hersteller Skynet, der soll mal keinen solchen Wind machen: Dient wirklich, wirklich alles der Sicherheit.

Die Zukunft lässt schön grüßen

Wenn man sich unbekleidet auf die Straße stellte, dann würde man wahrscheinlich von den Männern mit den weißen Turnschuhen mitgenommen. Nutzt man Social Media, Google und Smartphones, zieht man aber eigentlich erheblich blanker. Denn die Daten, die sich daraus ergeben, lassen sich sammeln und verwerten. Eine abgedroschene Weisheit besagt: Wissen ist Macht. Menschliche Unberechenbarkeit ist da nur ein Störfaktor. Da ist es sehr praktisch, möglichst viel über ihn zu wissen. Das hat jetzt womöglich auch die Automobilindustrie erkannt. Im Namen der Sicherheit werden Positionsbestimmungen der Autos gemacht. Wird diese Ortung zweckentfremdet, lassen sich nicht nur Bewegungs- sondern auch Stimmungsprofile erstellen, denn: Der Fahrstil sagt viel über die Gemütslage des Fahrers. Das würde durch die „Seeing Machine“ noch unterstützt. Mimik, Gestik… „Gedankenlesen“ war nie einfacher. Wütend? Gestresst? Glücklich? Wissen wir schon.

Der Mensch: Das x in der Gleichung

Wir wollen niemandem etwas unterstellen. Natürlich erhöhen Systeme wie der automatische Notruf die Überlebenschancen der Fahrzeuginsassen bei einem Crash. Und natürlich wäre es grandios, könnte man sein Auto Alltagsfahrten einfach so erledigen lassen und wirklich nur fahren, wenn man auch Lust darauf hat. Aber: Wo Daten durch den Äther fliegen, da sind die nicht weit, die diese Daten verwerten oder abfangen und manipulieren. Oder, noch schlimmer: in die Funktionsweise der benutzen Geräte eingreifen – bei Autos kann das schnell brandgefährlich werden. Das ist nicht aus der Luft gegriffen, Teslas S zum Beispiel wurde kürzlich während der Fahrt gehackt. Man stelle sich vor: Die Industrie hat die Unwägbarkeit Mensch ausgeschaltet, die Autos surren in Kolonnen die Autobahn entlang. Und dann kommt da einer, der einfach nur die filigrane Technik stört, zum Beispiel durch Jamming – und wir haben Schlagzeilen.

Aber es geht doch hier um die Sicherheit, Sie Verschwörungstheoretiker!

Seine Freiheit und Privatsphäre zugunsten von (vielleicht vermeintlicher, in Anbetracht der Fehleranfälligkeit von Technik) Sicherheit aufzugeben ist zumindest eine fragwürdige Entscheidung.
Außerdem, bleiben wir beim Straßenverkehr, gibt es ja genug Alternativen, die zusammen mit den aktuellen Assistenzsystemen mehr Sicherheit bieten: Wie wäre es mit einer Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen? Wie in so ziemlich allen anderen Ländern der Welt? Verpflichtende Fahrnachprüfungen ab einem gewissen Alter? Oder einfach damit, vernünftig und nicht übermüdet zu fahren?

Die Technik ist für den Menschen da. Genauso sollte das in Zukunft auch gehandhabt werden. Autonomes Fahren ist eine schöne Idee. Solange die Idee nicht dazu genutzt wird, den vielzitierten „gläsernen Bürger“ zu entmündigen – nur zu.

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