Zwischen EU-Gesetzgebung und Kiez-Kultur: Wie Circular Berlin mit den neuen Urban Resource Centers den Takt für die urbane Transformation vorgeben könnte.
Der Status Quo: Weg von der Einbahnstraße
Lange Zeit war die Beziehung der Berliner:innen zu ihrem Abfall simpel: Aus den Augen, aus dem Sinn. In Berlin gehört der illegale Sperrmüll leider fast schon zum Stadtbild ein Symptom für ein System, das keine einfachen Lösungen für das Ende eines Produktlebens bietet. Maximal wird es zur zur BSR gebracht… oder zumindest davor abgestellt. Die improvisierten „Zu verschenken“-Kartons auf den Gehwegen zeigen zwar den Willen zum Teilen, enden aber oft als nasser Abfall im Rinnstein. Von den Berliner Parks im Sommer wollen wir hier lieber ganz schweigen.
Illegaler Müll im Park oder auf dem Bürgersteig ist aber auch das Symptom einer tieferen sozialen Erosion. Wenn Menschen das Gefühl verlieren, dass der öffentliche Raum ihnen gehört oder dass sie Teil einer funktionierenden Gemeinschaft sind, wird die Straße zum Entsorgungsort. Der Staat wird nur noch als bevormundender Dienstleister wahrgenommen, nicht mehr als Heimat.

Starten wir zuerst mit den vier Gruppen, für die BSR Höfe nicht funktionieren:
1
Die „Autolosen“ (Urban Professionals & Studierende) Die klassischen BSR-Höfe liegen oft in Industriegebieten am Stadtrand oder zumindest nicht im Kiez-Zentrum. Wer kein Auto hat, wuchtet keine Matratze oder keinen alten Fernseher in die S-Bahn.
2
Dann die „Überforderten“ (Internationale Berliner / Expats). Das Berliner Abfallsystem ist komplex. Wer die Bürokratie der „Sperrmüll-Anmeldung“ oder die Sprache (noch) nicht beherrscht, scheut den Gang zum Wertstoffhof.
3
Die „Wertesuchenden“ (Kreative & Nachhaltigkeits-Idealisten) bringen es nicht übers Herz, einen funktionierenden, aber alten Schrank zum BSR-Hof zu bringen, weil sie wissen: Dort wird er geschreddert. Der BSR-Hof wird als „Endstation“ wahrgenommen. Dann lieber „verschenken“ Direkt vor der Haustür. Und dem Sperrholz beim Aufquellen im Frühlingsregen zuschauen…
4
Die „Prekären“ (Menschen mit geringem Einkommen) Es ist wie es ist. Oft haben diese Haushalte weder die Zeit noch die Transportmittel, um weit zu fahren. Gleichzeitig könnten sie von günstigen, reparierten Möbeln oder Geräten profitieren. Die BSR ist ein Einwegsystem. Man bringt etwas hin, bekommt aber nichts (Günstiges/Repariertes) zurück.
Das lineare Modell, also Kaufen, Nutzen, Wegwerfen stößt aber an seine planetaren Grenzen. Während Frankreich bereits mit einem Reparatur-Index voranschreitet und die EU das „Recht auf Reparatur“ zementiert, bereitet Berlin den nächsten großen Sprung vor: Die Transformation zum zirkulären Ökosystem. Hier setzen sogenannte Urban Resource Centers an: Sie kanalisieren diesen Impuls. Sie machen aus dem ‚Abstellen auf der Straße‘ eine gezielte ‚Abgabe in den Kreislauf‘.
Ein URC ist eine Mischung aus:
- Logistik-Hub: Wo Baumaterialien gerettet werden (Urban Mining).
- Kreativ-Labor: Wo Designer aus alten Textilien neue Mode schaffen.
- Community-Space: Wo Nachbarn lernen, dass ein kaputter Toaster kein Müll, sondern eine lösbare Aufgabe ist.
Die vier oben genannten Gruppen könnten von diesen URCs profitieren:
- Durch Mikro-Hubs direkt im Kiez, die fußläufig oder mit dem Lastenrad erreichbar sind.
- Niederschwellige Kommunikation auf Englisch und Community-Atmosphäre statt Behörden-Flair.
- Die Gewissheit, dass Gegenstände repariert oder als Material für Upcycling genutzt werden.
- Als Ort des Austauschs. Man gibt etwas ab und findet vielleicht eine kostengünstige Reparatur für sein eigenes Gerät.
Diese soziale Dimension der Selbstwirksamkeit kann bei Menschen möglicherweise das oben beschriebene Gefühl der Entfremdung durchbrechen, wenn Urban Resource Centers als Orte der Rekultivierung von Gemeinschaft dienen, wo Menschen gemeinsam reparieren, tauschen und gestalten. Kreislaufwirtschaft ist hier das Mittel zum Zweck, um soziale Bindungen zu heilen. Wer seinen Kiez als Ressource und Begegnungsort begreift, stellt dort keine Matratze mehr an den Baum.

Gibt es Urban Resource Centers schon in Berlin?
Ja, aber sie stecken teilweise noch in der Pilotphase oder heißen anders.
- Haus der Materialisierung (HdM): Am Alexanderplatz (Haus der Statistik). Das ist aktuell das Vorzeigeobjekt in Berlin. Dort gibt es Werkstätten, Materiallager für Holz und Textilien und Bildungsangebote.
- NochMall: Das Gebrauchtwarenkaufhaus der BSR in Reinickendorf. Es ist ein wichtiger Baustein, geht aber eher Richtung Verkauf/Re-Use.
- Kiez-Reparatur-Treffs: Über die Stadt verteilt, aber oft rein ehrenamtlich. Die Vision der URCs ist es, diese Orte professioneller und flächendeckender zu machen.

Was sagt die BSR dazu?
Die BSR (Berliner Stadtreinigung) ist ein Schlüsselakteur.
- Sie wandelt sich gerade vom reinen Entsorger zum Ressourcenmanager.
- Die BSR kooperiert bereits mit Projekten wie der NochMall oder dem Haus der Materialisierung.
Die BSR muss nicht nur eingebunden werden; sie ist für den Erfolg der Urban Resource Centers (URCs) der wichtigste Partner in der Stadt. Früher hätte man denken können, URCs nehmen der BSR den „Müll“ weg. Aber die BSR kämpft mit den Kosten für die Entsorgung von Sperrmüll und illegalen Ablagerungen. URCs dienen im beste case als „Vorsortier-Stationen“ im Kiez. Alles, was dort repariert oder weitergegeben wird, landet nicht im teuren Entsorgungskreislauf der BSR. Es ist eine Win-win-Situation. Die BSR als „Enabler“ (Ermöglicher) hat die Logistik, die Hallen und die Fahrzeuge. Projekte wie die NochMall (ihr eigenes Gebrauchtwarenkaufhaus) zeigen, dass sie das Thema Re-Use ernst nehmen. Berlin hat zudem eine offizielle Zero-Waste-Strategie. Die BSR ist gesetzlich dazu verpflichtet, Abfallvermeidung zu fördern.
Und was genau macht Circular Berlin?
Die Vision von Circular Berlin ist es, Berlin in eine resiliente, bürgerzentrierte und kreislauforientierte Stadtregion zu verwandeln. Das Hauptziel ist also die Neugestaltung der Stoffströme Berlins. Weg von der „Wegwerfgesellschaft“ (linear) hin zu einem geschlossenen Kreislauf (zirkulär). Dabei geht es nicht nur um Mülltrennung, sondern um das bewusste Design von Produkten und Systemen, um Abfall von vornherein zu vermeiden. Man geht nämlich davon aus, dass etwa 80 % der Umweltauswirkungen eines Produkts bereits in der Designphase festgelegt werden.
Die wichtigsten Säulen:
Design for Longevity (Langlebigkeit) So absurd es klingen mag, aber Produkte werden dann so entworfen, dass sie physisch robust sind und ästhetisch nicht schnell veralten. Ziel ist es, die Nutzungsdauer so weit wie möglich zu maximieren.
Design for Disassembly (Demontagefreundlichkeit) Produkte werden also nicht verklebt oder verschweißt, sondern modular aufgebaut. (Wir alle erinnern uns noch an Handys mit herausnehmbaren Akkus.) Während die Industrie jahrelang auf „geplante Obsoleszenz“ und Kompaktheit durch Verkleben gesetzt hat, findet gerade ein Umdenken statt.
Gute Beispiele dafür:
Fairphone: Der Goldstandard
Fairphone ist kein reiner Hardware-Hersteller, sondern ein politisches Statement. Das Gerät lässt sich ohne Spezialwerkzeug in Einzelteile (Kamera, Akku, Display) zerlegen. Auf jedem Modul stehen Anleitungen, und Ersatzteile sind jahrelang direkt beim Hersteller verfügbar. Es wird aktiv verhindert, dass ein kleiner Defekt (z. B. kaputte Ladebuchse) zum Totalschaden des gesamten Geräts führt.
Nothing: Ästhetik trifft Reparatur
Nothing (insbesondere mit der Untermarke CMF) versucht, Modularität cool und designorientiert zu machen. Anstatt Schrauben zu verstecken, werden sie als Designelement gefeiert (z. B. beim CMF Phone 1). Nutzer können Rückschalen selbst wechseln oder Zubehör direkt an das Gehäuse schrauben. Das verlängert die emotionale Lebensdauer des Produkts.
Und die herausnehmbaren Akkus feiern sogar ihre Rückkehr. Denn es gibt gesetzlichen Druck durch die Die EU-Batterieverordnung. Ab 2027 müssen Batterien in tragbaren Geräten in der EU so konstruiert sein, dass sie von Endnutzern mit handelsüblichem Werkzeug leicht entfernt und ausgetauscht werden können. Das bedeutet das faktische Ende für exzessives Verkleben von Akkus.

Weitere Säulen beim bewusste Design von Produkten sind:
Reparierbarkeit: Einzelteile können leicht ausgetauscht werden. Stell dir einfach vor, der Mantel und Schlauch deines Rades wäre mit der Felge verklebt. Kein Mensch würde solch ein Rad kaufen, gäbe es Alternativen am Markt.
Sortenreinheit: Am Ende des Lebenszyklus lassen sich Materialien (wie Kunststoffe und Metalle) leicht trennen und hochwertig recyceln.
Materialwahl & Schadstofffreiheit: Vermeidung von giftigen Substanzen, die ein späteres Recycling unmöglich machen („Circular Chemistry“). Es werden bevorzugt nachwachsende Rohstoffe oder bereits recycelte Materialien verwendet.
Abfall als Ressource (Cradle-to-Cradle): In diesem System gibt es keinen „Müll“. Alles ist entweder ein biologischer Nährstoff (geht zurück in die Natur) oder ein technischer Nährstoff (bleibt in geschlossenen industriellen Kreisläufen).

Circular Berlin und der Fokus auf Schlüsselsektoren
Sie konzentrieren sich konkret auf Branchen, die den größten ökologischen Fußabdruck in der Stadt haben:
- Bauwesen & Stadtentwicklung (z. B. Wiederverwendung von Baumaterialien)
- Textil & Mode (z. B. lokale Kreisläufe für Kleidung)
- Lebensmittel & Biomasse (z. B. Vermeidung von Lebensmittelabfällen)
- Produkt- & Materialdesign (z. B. Reparaturfähigkeit und Langlebigkeit)
Circular Berlin versteht sich als Brückenbauer zwischen:
Wissen: Sie wollen Forschung und Best Practices weltweit zugänglich machen. Konkret durch:
Manuals & Reports: Also Whitepapers oder Branchen-Reports (z.B. zum Bauwesen oder zur Textilwirtschaft in Berlin). Diese können als Blaupause für andere Städte dienen. Der Open Source Ansatz: Viele ihrer Erkenntnisse werden so aufbereitet, dass andere NGOs oder Stadtverwaltungen sie kopieren können. Aktuell eh ein RIESEN Thema, denn man möchte weniger abhängig von großen US-Tech-Giganten sein. Wenn der Staat den Quellcode kontrolliert, ist er unabhängiger. Das Prinzip „Public Money? Public Code!“ besagt zudem, dass Software, die mit Steuergeldern finanziert wird, auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen sollte. Das ermöglicht unabhängige Sicherheitsüberprüfungen. Das Zentrum für Digitale Souveränität (ZenDiS) ist die treibende Kraft dahinter. Mit Projekten wie openDesk (einem Open-Source-Arbeitsplatz für die Verwaltung) wird versucht, eine echte Alternative zu Office 365 aufzubauen.
Praxis: Konkrete Pilotprojekte in Berlin umsetzen (z. B. der Circular City Guide). Der Clubliebe e.V. hat das Thema Kreislaufwirtschaft/Energie in die Clubszene gebracht (z.B. Mehrwegsysteme, Abfallvermeidung bei Events). Beides sind witzigerweise NGO-Strukturen, die Stakeholder (Clubbetreiber vs. Stadtentwickler/Bürger) für ein grünes Thema begeistern müssen. Circular Berlin ist allerdings breiter aufgestellt und arbeitet stärker auf politischer und europäischer Ebene.
Politik & Verwaltung: Beratung der Stadtbehörden bei der Umsetzung der Zero Waste-Strategie. Die Vision sieht vor, Ressourcen so weit wie möglich lokal zu beschaffen und den Wert von Materialien zu erhalten. Berlin soll ein Vorbild für andere Metropolen weltweit werden. Das passt sehr gut zur aktuellen Stadtmarketing-Strategie von VISIT Berlin. Visit Berlin setzt derzeit massiv auf „Sustainable Tourism“. Sie wollen Touristen in die weniger frequentierten Kieze zu locken (‚Going Local‘) und dort nachhaltige Konzepte erlebbar zu machen.Circular Berlin könnte Orte schaffen, die zeigen, wie Berlin wirklich lebt. Voila Synergie! Visit Berlin vermarktet die Stadt als Innovationsstandort. Circular Berlin liefert den Content dazu. Wir kommunizieren Berlin nicht nur als Party-Hauptstadt, sondern als Labor für die Kreislaufstadt. Das zieht Fachbesucher, Delegationen und bewusste Reisende an, die Berlin als Vorbild für ihre eigenen Städte sehen. Wenn Hotels, Gastronomie und Events (die Säulen des Tourismus) zum Beispiel durch Kooperationen mit Projekten von Circular Berlin zirkulär funktionieren wird das Label „Sustainable Berlin“ auch glaubwürdig.
Es gibt bereits Pionierprojekte in anderen europäischen Ländern.
1. Schweden: Der Goldstandard (Eskilstuna)
Schweden ist mit „ReTuna“ weltweit führend. Es ist das erste Einkaufszentrum der Welt, das ausschließlich reparierte und upgecycelte Produkte verkauft. Es ist direkt an ein Recyclingzentrum angeschlossen. Dort sieht man, dass ein URC auch ein wirtschaftlicher Erfolg und ein Touristenmagnet sein kann.
2. Dänemark: Design & Architektur (Kopenhagen)
In Dänemark (z. B. CopenHill oder lokale Hubs) wird Entsorgung oft mit Architektur und Lifestyle verbunden. Dänemark zeigt, wie man Nachhaltigkeit ästhetisch verpackt.
3. Niederlande: Die Kreislauf-Pioniere (Amsterdam/Rotterdam)
Die Niederlande haben sehr fortschrittliche „Repair Cafés“ und zirkuläre Stadtviertel (wie De Ceuvel). Die Niederlande sind Meister darin, Wissen zwischen Kommunen und Start-ups zu teilen.
4. Spanien: Sozialer Fokus (Barcelona/Valencia)
In Spanien gibt es oft eine starke soziale Komponente (z. B. Kooperativen, die Menschen mit Barrieren in den Reparaturprozess einbinden). Spanische Modelle zeigen, wie URCs als soziale Integrationsmotoren fungieren. Das passt perfekt zum Gedanken der Rückgewinnung von Gemeinschaft.“