Berlin dreht sich: Wie die Hauptstadt die Kreislaufwirtschaft neu erfindet

Von der Wegwerfgesellschaft zur Circular City: Berlin steckt mitten in einer radikalen Transformation. Während der Senat an Gesetzen feilt, schaffen Start-ups wie Sirplus, Nornorm und Concular bereits Fakten. Ein Blick auf die Akteure, die unsere Vorstellung von Besitz und Abfall gerade gründlich zerlegen.

Berlin wächst, Berlin baut, Berlin konsumiert – und Berlin produziert Müll. Gigantische Mengen davon. Doch unter der Oberfläche der Stadt braut sich eine Revolution zusammen, die den Begriff „Abfall“ komplett aus unserem Wortschatz streichen will. Wir stehen im Februar 2026 an einem Wendepunkt: Bis zum Juni soll die neue, eigenständige Berliner Kreislaufwirtschaftsstrategie final verabschiedet werden. Es ist der Versuch, eine ganze Metropole nach dem Vorbild der Natur umzugestalten, wo es keine Abfälle, sondern nur Nährstoffe gibt.

Das Epizentrum: Neukölln als Reallabor

Wer verstehen will, wie sich die zirkuläre Zukunft anfühlt, muss in die Rollbergstraße nach Neukölln fahren. Hier, in einer ehemaligen Brauerei, befindet sich der Impact Hub Berlin. Es ist das operative Hauptquartier der Bewegung. Das Gebäude selbst ist die erste große Story des Artikels: Es ist ein „gebautes Manifest“. Statt alles abzureißen, wurde hier mit dem Bestand gearbeitet. Trennwände aus alten Fenstern, Teppichböden aus recycelten Fischernetzen und Möbel, die bereits mehrere Vorbesitzer hatten. Es ist der Ort, an dem die Strategien von Circular Berlin e.V. auf die Realität der Start-ups treffen.

Die Retter der Lieferkette: SIRPLUS

Einer der profiliertesten Player in diesem Ökosystem ist Sirplus. Das Team um Raphael Fellmer hat das Thema Lebensmittelrettung aus der moralischen Nische direkt in den harten Wirtschaftsalltag geholt. Sirplus setzt dort an, wo das System versagt: in der Mitte der Lieferkette. Es geht nicht nur um den krummen Apfel, sondern um tonnenweise Ware, die wegen Überproduktion, Fehletikettierung oder nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) direkt im Großhandel vernichtet würde. 2026 ist Sirplus längst ein logistisches Schwergewicht geworden, das durch intelligente Algorithmen Vorhersagen trifft, wo Überschüsse entstehen, bevor sie überhaupt im Müll landen könnten. Für die Berliner bedeutet das: Hochwertige Lebensmittel zu fairen Preisen und das gute Gefühl, Teil einer Rettungskette zu sein.

Besitz war gestern: NORNORM revolutioniert das Büro

Während wir bei Lebensmitteln bereits umdenken, kleben wir bei Möbeln oft noch an alten Eigentumsmodellen. Hier kommt Nornorm ins Spiel. In einer Stadt wie Berlin, in der Start-ups monatlich skalieren oder ihre Flächen anpassen müssen, ist der Kauf von Büromöbeln eigentlich ein ökonomischer Wahnsinn. Nornorm hat das Modell „Furniture-as-a-Service“ perfektioniert. Büros werden nicht mehr eingerichtet, sie werden abonniert. Braucht ein Unternehmen in Mitte plötzlich 50 Arbeitsplätze mehr, liefert Nornorm das Design-Interieur (oft in Kooperation mit IKEA). Wird der Platz nicht mehr benötigt, gehen die Tische und Stühle zurück ins Depot, werden dort professionell aufgearbeitet (refurbished) und an das nächste Projekt vermietet. Das Ergebnis: Ein geschlossener Kreislauf, der verhindert, dass nach jeder Finanzierungsrunde Berge von Spanplatten auf dem Sperrmüll landen.

Urban Mining: CONCULAR macht die Stadt zur Mine

Der vielleicht größte Hebel für die Kreislaufwirtschaft liegt jedoch im Bausektor, der für über 50 % des Berliner Abfallaufkommens verantwortlich ist. Hier agiert Concular als der digitale Architekt der Wende. Ihr im Sommer 2025 gestartetes „Urban Mining Kataster“ ist eine technologische Meisterleistung. Concular hat den Berliner Gebäudebestand digital erfasst. Sie betrachten die Stadt als riesiges Rohstofflager. Wenn heute ein Gebäude weichen muss, wird es nicht mehr „abgerissen“, sondern „rückgebaut“. Über den eigenen Urban Mining Hub Berlin (in Kooperation mit der BSR und ALBA) werden Fenster, Türen und sogar ganze Betonbinder direkt weitervermittelt. Concular liefert die Antwort auf die Ressourcenknappheit: Das Material für das Berlin von morgen steckt bereits in den Häusern von heute.

Der Status Quo 2026: Zwischen Euphorie und Bürokratie

Wo stehen wir also? Der Fortschritt ist unübersehbar. Berlin hat die Phase der netten Pilotprojekte verlassen. Die Szene ist professionell, digital und hungrig. Doch „das Etwas“ – der kritische Geist der Experten – mahnt zur Vorsicht. Der aktuelle Tenor in der Berliner Politikberatung ist eindeutig: Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hinken der technischen Innovation noch hinterher. Solange Primärrohstoffe (wie neuer Kies oder frischer Kunststoff) durch Subventionen oder fehlende CO2-Bepreisung billiger sind als ihre recycelten Pendants, bleibt die Kreislaufwirtschaft ein harter Kampf gegen den Markt.

Was bleibt?

Berlin hat sich viel vorgenommen. Die Strategie im Juni 2026 wird das Fundament legen, aber Player wie Sirplus, Nornorm und Concular bauen bereits das Haus. Kreislaufwirtschaft ist kein Verzicht, sondern ein intelligenteres Design unserer Welt. Es geht nicht darum, weniger zu haben, sondern das, was wir haben, besser zu nutzen.

roadmap magazine
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.