Es ist absolut berechtigt, das zu hinterfragen. Wenn wir unsere aussortierte Kleidung in den Altkleidercontainer werfen, haben wir oft das gute Gefühl, dass sie gespendet oder recycelt wird. Die Realität der Textilindustrie sieht jedoch völlig anders aus. Von echter Kreislaufwirtschaft sind wir aktuell noch meilenweit entfernt. Global betrachtet liegt die Quote des sogenannten Faser-zu-Faser-Recyclings (also aus einem alten T-Shirt wird wieder ein neues Kleidungsstück) bei unter 1 Prozent.

Hier ist das, was stattdessen aktuell mit unseren Altkleidern passiert (bezogen auf den europäischen Schnitt):
Die Endstationen unserer Textilien
1. Der Secondhand-Export (ca. 40 %)
Nur ein winziger Bruchteil (etwa 10 %) der gesammelten Kleidung wird hierzulande in Secondhand-Läden verkauft oder an Bedürftige gespendet. Der große Rest der noch tragbaren Kleidung wird ins Ausland verkauft, oft nach Osteuropa oder in den Globalen Süden (z. B. nach Ghana oder Chile). Das Problem: Die schiere Menge und die sinkende Fast-Fashion-Qualität zerstören dort nicht nur die lokalen Textilmärkte, sondern enden mangels Verwertbarkeit auf gigantischen Mülldeponien. Aus Kleiderspenden wird so ein massives Abfallproblem für andere Länder.
2. Downcycling (ca. 40 – 50 %)
Was nicht mehr getragen werden kann, wird geschreddert. Daraus entstehen Putzlappen für die Industrie, Malervlies, Dämmmaterial für Häuser oder Füllstoffe für Autositze. Das verlängert zwar das Leben des Materials, ist aber eine Einbahnstraße: Es ist die letzte Station, bevor das Material endgültig entsorgt wird.
3. Verbrennung & Deponie (ca. 5 – 10 %)
Die restlichen Textilien landen in der „thermischen Verwertung“. Sie werden schlichtweg verbrannt, teilweise zur Energiegewinnung. Bis vor kurzem war es sogar gängige Praxis einiger Modemarken, unverkaufte Neuware direkt zu verbrennen, um Lagerkosten zu sparen und den Marktpreis stabil zu halten.

Warum echtes Recycling bisher scheitert
Dass kaum aus Alt-Textilien neue Stoffe gemacht werden, liegt exakt an den Problemen, die Projekte wie STEPH lösen wollen:
- Materialmix: Ein Großteil unserer Kleidung besteht aus Mischgeweben (z. B. 80 % Baumwolle, 20 % Polyester). Diese Fasern maschinell wieder voneinander zu trennen, ist extrem aufwendig und teuer.
- Elasthan: Schon 2 % Stretch-Anteil (Elasthan) im Stoff können aktuelle mechanische Recyclingmaschinen verkleben und unbrauchbar machen.
- Chemie: Textilien sind massiv mit Farbstoffen, Weichmachern und Imprägnierungen behandelt, die vor einem Recyclingprozess aufwendig chemisch gelöst werden müssen.

Was sich gerade ändert
Seit dem 1. Januar 2025 ist die getrennte Sammlung von Textilien in der gesamten EU verpflichtend. Textilien dürfen offiziell nicht mehr im Restmüll landen. Die EU zwingt die Hersteller im Rahmen des „Green Deals“ dazu, Verantwortung für das Lebensende ihrer Produkte zu übernehmen (Erweiterte Herstellerverantwortung). Damit sich dieses System aber rechnet, muss sich das Design der Kleidung radikal ändern. Sie muss von vornherein so entworfen werden, dass sie später wieder in ihre Einzelteile zerlegt werden kann (Ecodesign).
Siehe auch: Nachhaltige Textilien: Millionenschweres Forschungsprojekt an TU
Wie funktioniert das chemische und mechanische Faser-zu-Faser-Recycling bei Textilien technisch genau?
Um aus einem alten T-Shirt ein neues Garn zu gewinnen, wendet die Textilindustrie zwei grundverschiedene Ansätze an. Das mechanische Verfahren arbeitet auf rein physikalischer Ebene und zerkleinert das Material, während das chemische Verfahren die Struktur der Textilie auf molekularer Ebene auflöst und völlig neu zusammensetzt.
1. Mechanisches Faser-zu-Faser-Recycling
Das mechanische Verfahren ist die älteste und bisher am weitesten verbreitete Methode. Sie kommt hauptsächlich für sortenreine Naturfasern (wie Baumwolle oder Wolle) zum Einsatz.
Der technische Prozess:
- Vorbereitung: Harte Störstoffe wie Knöpfe, Nieten und Reißverschlüsse werden händisch oder maschinell entfernt. Anschließend wird der reine Stoff in kleine handtellergroße Schnipsel geschnitten.
- Reißen (Tearing): Die Stoffstücke laufen durch riesige Reißmaschinen mit rotierenden, nadelbesetzten Trommeln. Diese kämmen und reißen den Stoff buchstäblich mit Gewalt wieder in lose Faserbündel auf.
- Kardieren und Spinnen: Die herausgelösten Fasern werden gereinigt, von Staub befreit, in eine einheitliche Richtung gekämmt (kardiert) und schließlich zu einem neuen Garn gesponnen.
Die physikalische Grenze (Faserverkürzung): Durch das gewaltsame Reißen in der Trommel brechen die Fasern ab. Eine recycelte mechanische Baumwollfaser ist deutlich kürzer als eine unberührte Neufaser. Das daraus gesponnene Garn hat weniger Struktur, reißt schneller und fühlt sich rauer an. Um daraus ein alltagstaugliches, stabiles Kleidungsstück zu produzieren, müssen die recycelten Fasern mit langen Neufasern (Virgin Cotton) oder reißfesten synthetischen Fasern gemischt werden. Ein T-Shirt aus „100 % mechanisch recycelter Baumwolle“ gibt es in der Praxis kaum; meist liegt das Verhältnis bei 20 % Recyclingmaterial zu 80 % Neumaterial.
2. Chemisches Faser-zu-Faser-Recycling
Dieses Verfahren ist technisch wesentlich komplexer und energieintensiver, steckt bei vielen Materialarten noch in der industriellen Skalierungsphase, löst aber das Qualitätsproblem: Das Endprodukt entspricht chemisch und qualitativ exakt der Neuware, da keine Faserverkürzung stattfindet.
Der Prozess bei Synthetik (Polyester / PET):
- Depolymerisation: Das alte Polyestergewebe wird unter Einsatz von Hitze, Druck und Lösungsmitteln in seine chemischen Grundbausteine (die Monomere, z. B. PTA und MEG) zerlegt.
- Filtration: In diesem flüssigen Zustand können nun alle Störstoffe – wie Farbpigmente, chemische Ausrüstungen (z. B. wasserabweisende Beschichtungen) oder sogar geringe Anteile von Elasthan – herausgefiltert werden. Übrig bleibt eine reine Chemikalien-Suppe.
- Repolymerisation & Extrusion: Die reinen Monomere werden chemisch wieder zu neuen Polymer-Ketten verknüpft, zu Granulat geformt, eingeschmolzen und durch ultrafeine Düsen (Spinnerets) zu endlos langen, makellosen Polyesterfäden gezogen.
Der Prozess bei Zellulose (Baumwolle):
- Auflösung: Die Baumwolle wird nicht geschreddert, sondern in einem ungiftigen chemischen Lösungsmittel zu einer zähflüssigen, sirupartigen Zellulose-Masse zersetzt (vergleichbar mit dem Lyocell-Verfahren).
- Reinigung: Auch hier werden Farben und Fremdstoffe im flüssigen Zustand chemisch abgetrennt.
- Nassspinnen: Die gereinigte Zellulose-Masse wird durch winzige Düsen direkt in ein chemisches Fällbad gepresst. Dort härtet der Strahl sofort aus. Aus der ursprünglichen Naturfaser Baumwolle entsteht so eine künstlich hergestellte, durchgehende Zellulosefaser (eine Regeneratfaser wie Viskose oder Lyocell).