Der Gebäudesektor gilt als eines der größten Sorgenkinder der deutschen Klimaziele: Rund 30 Prozent der nationalen CO₂-Emissionen entstehen hier. Gleichzeitig ist das Marktpotenzial gewaltig, denn schätzungsweise 80 Prozent der 15 Millionen Einfamilienhäuser in Deutschland sind nach wie vor unsaniert. Genau in diese Lücke stößt das erst 2024 gegründete Berliner ClimateTech-Start-up „Deutsche Sanierungsberatung“ (dsb) – und das mit rasantem Erfolg.
Mitten in einer Investitionsphase, in der Risikokapital vorrangig in den KI-Sektor fließt, konnte die dsb nun eine beachtliche Series-A-Finanzierungsrunde in Höhe von 10 Millionen Euro abschließen. Angeführt wird die Runde von Simon Capital und dem Corporate-VC VERBUND X Ventures. Auch Altinvestoren wie IBB Ventures, Vireo Ventures und Atlantic Food Labs zogen wieder mit.

Technologieoffenheit statt Hardware-Push
Hinter der dsb stecken CEO Sebastian Schmidt, CFO Niclas Kern und CCO Adam Khenissi. Das Trio bringt wertvolles Branchenwissen mit: Zuvor bauten die drei Gründer beim Berliner Energie-Einhorn Enpal die Wärmepumpen-Sparte („Dragon“) maßgeblich mit auf. Mit der dsb wählen sie nun jedoch einen strategisch völlig anderen Ansatz.
Während große Player wie Enpal, 1KOMMA5° oder Thermondo vorrangig als direkt ausführende Installateure mit eigenen Handwerker-Teams auftreten und spezifische Hardware verkaufen wollen, positioniert sich die dsb als ganzheitlicher und technologieoffener Berater. Das Versprechen: Statt Eigenheimbesitzern sofort die teuerste Anlage zu verkaufen, sollen durch absolute Neutralität die wirklich rentabelsten Maßnahmen identifiziert werden.
Der pragmatische Weg zum digitalen Zwilling
Um den fragmentierten Sanierungsprozess zu verschlanken, setzt die dsb auf einen stark digitalisierten Ansatz: Zertifizierte Berater erfassen die Gebäudedaten direkt vor Ort und erstellen einen digitalen Zwilling des Hauses. Daraus wird ein individueller Sanierungsfahrplan (iSFP) abgeleitet. Dabei liegt der Fokus oft auf pragmatischen Lösungen. Anstelle eines klassischen Wärmedämmverbundsystems, das schnell zwischen 30.000 und 50.000 Euro kosten kann, identifiziert die dsb häufig hochwirksame Alternativen wie eine Einblasdämmung für rund 5.000 Euro.
Darüber hinaus übernimmt das Start-up die komplette Prüfung und Beantragung komplexer Fördermittel (KfW, BAFA). Die eigentliche handwerkliche Umsetzung wird über ein Netzwerk aus aktuell rund 300 geprüften, lokalen Handwerksbetrieben koordiniert. Kunden verspricht dieses „Alles-aus-einer-Hand“-Modell eine Zeitersparnis von bis zu 80 Prozent.

Wachstumskurs und neue Geschäftsfelder
Die Nachfrage gibt dem Konzept recht: Nach eigenen Angaben konnte die dsb ihre Kundenzahl zuletzt verdreifachen und hat bereits über 10.000 Privatkunden beraten. Für das laufende Jahr 2026 rechnet das Unternehmen mit einem Umsatz von über 15 Millionen Euro.
Das frische Kapital soll nun genutzt werden, um das Geschäftsmodell auf die nächste Stufe zu heben. Geplant sind neben dem weiteren Ausbau der digitalen Plattform auch der Einstieg in das B2B-Geschäft sowie der Launch eines eigenen Stromtarifs. Dies ist ein strategisch entscheidender Schritt, um wiederkehrende Umsätze zu generieren und das Unternehmen langfristig aus der Abhängigkeit von reinen Sanierungs-Einmalgeschäften und schwankenden staatlichen Fördertöpfen zu befreien.
Die dsb zeigt eindrucksvoll, dass die Digitalisierung analoger Prozesse und die Lösung des handwerklichen Flaschenhalses im Gebäudesektor ein massiver Wachstumsmarkt sind. Die größte Hürde für die Zukunft wird jedoch die Orchestrierung des chronisch überlasteten Handwerksnetzes bleiben. Gelingt es der dsb, hier dauerhaft Qualität und Skalierbarkeit zu vereinen, könnte Berlin bald ein weiteres Schwergewicht im GreenTech-Sektor beheimaten.