Autofahren wie auf holprigen Schienen – Elon Musks neuer Elektroautotunnel

An vollmundigen Ankündigungen des Technologiemoguls Elon Musk mangelte es noch nie. Nach der versprochenen Entwicklung eines massenproduktionstauglichen Elektroautos, wiederverwendbarer Raketentechnologie und autonomen Fahrzeugen wurde am Dienstag, dem 18. Dezember 2018 die nächste Neuerung enthüllt. Sie soll den innerstädtischen Verkehr revolutionieren, verkehrsreiche Straßen entlasten und Fahrzeiten erheblich verkürzen. Elon Musk selbst bezeichnete vor zwei Jahren bei der Gründung seiner Tunnelbaufirma „The Boring Company“ den Verkehr in Innenstädten als „seelenzerstörend“. Erste Testfahrten stimmen jedoch vorsichtig.

Das Konzept

Dass die Straßen von vielen Großstädten besonders während der Hauptverkehrszeiten starken Belastungen ausgesetzt sind, ist keine Neuigkeit. Teilweise über Kilometer wälzen sich die Blechlawinen durch die Straßen, verschmutzen die Umwelt und stehlen den Pendlern, Shoppern und Anwohnern wertvolle Lebenszeit. Die von Elon Musks Boring Company (bekannt unter anderem für den Versand von gasbetriebenen „Flammenwerfern“) entwickelte Lösung soll den Verkehr nicht nur unter Tage, sondern auch auf „Schienen“ legen. Sobald ein Auto in den Tunnel einfährt, werden an seine Vorderräder horizontal liegende Räder angebracht, die als Abstandhalter dienen. So sollen die Autos in den unterirdischen Tunnels aus eigener Kraft auf atemberaubende 240 Stundenkilometer beschleunigen können, ohne dass die Gefahr eines Wandkontaktes bestünde. Nach dem Erreichen des Zielortes soll diese an Stützräder gemahnende Konstruktion wieder entfernt werden. Die Einfahrt in die Tunnel und die Ausfahrt soll über Lastenaufzüge funktionieren, eine Fahrt soll für Privatpersonen 4 Dollar, für Mitfahrer in öffentlichen Transitautos 1 Dollar kosten. Dank dieser hohen Reisegeschwindigkeit und der Vermeidung von langen Wartezeiten an Ampeln und Abfahrten soll der Verkehr erheblich schneller und gleichmäßiger fließen.

Die Vorführung

Als Proof of Concept grub die Boring Company im Untergrund von Los Angeles für 10 Millionen US-Dollar einen 1,8 Kilometer langen Tunnel, stattete ihn mit einer Fahrbahn aus und rüstete einen Tesla ModelX mit den Abstandshaltern aus, um ihn beladen mit Industriellen, Reportern und Schaulustigen auf die Reise zu schicken. Zahlreiche Showelemente wie die Kulisse einer Ritterburg (errichtet aus Ziegeln, die aus dem Tunnelabraum gepresst wurden) mitsamt entsprechend gekleideten Schauspielern zogen das Auge auf sich und versprachen die für Musk typische Kombination aus Entertainment, Motivationsrede und technischer Revolution. Doch was als eine atemberaubende Achterbahnfahrt beworben wurde, war eher eine Bummelbahn, denn statt 240 Stundenkilometern erreichte das Auto nur 80 Stundenkilometer – eine Geschwindigkeit, die hierzulande selbst auf Landstraßen als langsam empfunden wird. Dass die Fahrt trotzdem nicht entspannend war, lag vor allem an der fehlenden Glättung der Betonfahrbahn. Die Pressevorführung sollte ursprünglich bereits eine Woche früher stattfinden, für die Nivellierung der Fahrbahn fehlte trotzdem die Zeit. Die Fahrt war dank der zahlreichen Unebenheiten holprig, laut und unregelmäßig. Auch dass die Autos aus eigener Kraft fuhren, stellte einen Rückschritt von Musks Ankündigungen dar, denn ursprünglich versprach er, die Kraftfahrzeuge auf elektrisch angetriebene Tragelemente zu stellen. Immerhin konnte das Auto die Fahrten ohne Pannen überwinden. Ob die Tunnel jemals mit den beworbenen Geschwindigkeiten befahrbar sind, steht noch in den Sternen. Für Autos ohne autonome Fahrfunktion oder Elektroantrieb sind sie jedenfalls nicht vorgesehen, da die Tunnel sonst durch menschliche Fahrfehler blockiert oder mit Abgasen geflutet werden könnten.

Tatsächlich ist sogar unklar, ob auf diesen ersten Testtunnel noch weitere folgen werden. Bereits ein anderer geplanter Testtunnel wurde erfolgreich von Anwohnern verhindert, die den Baulärm und die sonstigen Umweltschäden nicht auf sich nehmen wollten. Der nächste Teil der Entwicklung soll ein erster betriebsfertiger Tunnel in Chicago sein, der das Geschäftsviertel mit dem O’Hare Flughafen verbinden wird. Obwohl die geplante Tunnelstrecke von 17 Meilen (über 27 Kilometer) laut Ankündigung von Elon Musk Mitte 2021 fertig werden soll, fehlen für den Baubeginn ein halbes Jahr nach Unterzeichnung des Bauauftrages noch Genehmigungen. Wie lange die Bauzeit tatsächlich dauert, hängt auch von noch unberechenbaren Einzelheiten ab wie etwa widerstandsfähigeren Gesteinsschichten, Wasseradern oder im Boden vergrabenen Leitungen. Viele Experten wie Foster Finley, Co-Leiter der internationalen Beratungsagentur für Transportwesen AlixPartners, verweisen auf die höhere Effizienz von überirdischen Hochstraßen und prognostizieren bereits erhebliche Steigerungen bei den Kosten und der Bauzeit. Auch der Fokus auf den Individualverkehr anstelle der Weiterentwicklung öffentlicher Verkehrsmittel wird häufiger kritisiert. Vor diesem Hintergrund wirkte die Enthüllung des Beispieltunnels eher wie eine bemühte Presseaktion. 2018 war für Elon Musk kein leichtes Jahr, denn neben zahlreichen kleinen und großen Presseskandalen kämpften seine zahlreichen Projekte wie der Elektroautohersteller Tesla oder der Raketenproduzent SpaceX um Wirtschaftlichkeit und das Vertrauen der Investoren. So bleibt zu hoffen, dass die Boring Company aus der Errichtung des Testtunnels gelernt hat und diese neuen Erkenntnisse bei den kommenden Projekten in wirtschaftlich nutzbare Produkte umsetzen kann.

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