tacho-header

Manipulationen am Tacho bedrohen Käufer und den Gebrauchtwagenmarkt

Für viele ist der Kauf eines gebrauchten Wagens eine interessante Alternative. Der Anschaffungspreis ist deutlich geringer als bei einem Neuwagen, die hohen Abschreibungen des ersten Betriebsjahres werden vermieden. So mancher kann sich auf diese Weise einen kleinen Traum verwirklichen, der beim Kauf eines Neuwagens unerfüllbar bliebe. Mehr als sieben Millionen Autos wechseln auf diese bewährte Art jährlich den Besitzer.

Die teilweise Digitalisierung der automobilen Elektronik hat hier allerdings ein großes Problem geschaffen: Heute ist es selbst für Laien recht einfach, den Kilometerstand eines Autos – den sogenannten Tacho – zu manipulieren. Immer mehr unfaire Zeitgenossen greifen zu diesem Mittel, um den Wert des zu verkaufenden Gebrauchtwagens künstlich zu steigern. Qualifizierte Schätzungen ergeben, dass ungefähr bei jedem achten Gebrauchtwagenverkauf zu diesem Mittel gegriffen wird, bei grenzüberschreitenden Verkäufen ist die Manipulationsrate sogar noch höher.

Der daraus resultierende Schaden ist gewaltig, denn du als Käufer wirst über die bisherige Laufleistung und damit auch über die Aussichten des gekauften Wagens für die Zukunft getäuscht. Niemand hilft dir bei dieser Schädigung, die meist auch noch äußerst schwer nachzuweisen ist. Leider hilft dir auch ein Kauf bei einem Händler deines Vertrauens nur bedingt, weil unter Umständen auch der Händler den wahren Tachostand des Autos nicht kennt.

Gebrauchtwagen vom Händler

Lösung nach belgischem Vorbild macht Tacho-Manipulationen nutzlos

Diese Entwicklung ist so dramatisch, dass sie potenziell den ganzen Gebrauchtwagenmarkt in der EU bedroht.  Bereits im Jahre 2015 hatte die EU-Kommission eine Richtlinie zur Vorbeugung von manipulierten Tachoständen vorgelegt. Im Mai 2018 hat sich das Europaparlament erneut mit dem Problem befasst und schlägt eine Methode vor, die sich in Belgien bereits bewährt hat: In Belgien erhält jedes Fahrzeug ein eindeutiges Identifikationsinstrument, den Car-Pass. Auf diesem amtlichen Dokument sind die Identifikationsmerkmale des Fahrzeugs, aber keinerlei persönliche Daten des Besitzers eingetragen. Damit entstehen bei dieser Variante des Car-Passes keine Datenschutzprobleme und keine Kollisionen mit der europäischen Datenschutzverordnung.

Jedes Mal, wenn das Fahrzeug eine Werkstatt oder zum Beispiel den TÜV aufsuchen muss, wird sein aktueller Kilometerstand in eine zentrale Fahrzeugdatei eingetragen. So lässt sich verfolgen, ob der Kilometerstand plausibel ist, wenn die Einträge durch die Werkstätten korrekt vorgenommen werden. Kaufst du in Belgien ein gebrauchtes Auto, dann gehst du zum TÜV und erhältst dort einen Ausdruck der entsprechenden Datei für das durch eine Fahrzeug-Identifikationsnummer ausgewiesene Fahrzeug. So kann dich niemand mehr über den Kilometerstand durch eine schnelle Manipulation kurz vor dem Verkauf täuschen.

Untersuchungen beweisen, dass das System funktioniert: In Belgien ist die Manipulationsrate laut Auskunft belgischer Parlamentarier auf nahezu Null gesunken. Die EU-Parlamentarier haben nun vorgeschlagen, dieses System verbindlich in allen Ländern der EU zu übernehmen. Die Daten könnten zwischen den Mitgliedsländern ausgetauscht werden und künftige Tacho-Manipulatoren wären sofort enttarnt. Allerdings ist das Vorhaben nicht unumstritten.

Neue Entwicklungen beim Car-Pass

Seit Mai 2018 besteht aufgrund des EU-Beschlusses aus 2015 eigentlich die Pflicht für alle Länder in der EU, entsprechende gesetzliche Regelungen zur Vorbeugung gegen Tachomanipulation zu entwickeln. Die erneute Initiative der EU-Parlamentarier könnte, wird sie von der EU-Kommission und den Staaten aufgegriffen, eine schnelle Lösung des Problems bringen. Verschiedene private Initiativen und Unternehmen präsentieren im Augenblick technische Lösungen für das Car-Pass-Konzept in Deutschland. Eine unter der Führung des AvD stehende Initiative versucht, auch in Deutschland eine rechtsverbindliche Lösung durchzusetzen. Die Ausgabe des Car-Passes kann auch wirtschaftlich als Datenträger für mobile Daten interessant werden und soll nach Vorstellung der Initiative unter Einsatz der Blockchain-Technologie realisiert werden. Gleichzeitig soll diese Plattform für weitere mobile Datendienste Dritter offen sein. Das Modell ist der Europäischen Datenschutzverordnung angepasst und erhofft sich so gute Marktchancen.

Vom ADAC wird das Modell allerdings bisher nicht unterstützt. Dieser ist der Auffassung, es sei Aufgabe der Automobilhersteller, durch den Einbau eines speziellen Chips im Fahrzeug sicher vor Tacho-Manipulationen zu schützen. Schließlich schreibe eine europäische Verwaltungsvorschrift für die Typgenehmigung heute schon den Einbau von manipulationssicheren Wegstreckenzählern vor. Das Car-Pass-Modell sei kein ausreichender Schutz, weil dort die ersten Daten meist mit der TÜV-Hauptuntersuchung anfallen würden, die erst drei Jahre nach der Erstzulassung fällig wird. In der Zwischenzeit seien die Fahrzeuge, so der ADAC, weitgehend ungeschützt. Der ADAC behauptet auch, dass er in Belgien Manipulationen des Systems festgestellt habe. Es bleibt also abzuwarten, zu welcher Lösung diese Debatte findet. Du als Gebrauchtwagenkäufer musst also noch ein wenig auf eine sichere Lösung warten. Du kannst deine Sicherheit bis dahin optimieren, indem du nur Gebrauchtwagen kaufst, die direkt von Händlern stammen und deshalb kaum Manipulationen erwarten lassen.